Das Auto war gerade mal eine Woche aus diesem gottverfluchten Hafen, über 50
Tage stand der Motor. Das war wohl die längste Fahrpause in den letzten sieben
Jahren gewesen und das tut nicht gut. Ein Auto ist zum Fahren da, alles andere
ist Blödsinn. Eben dieser scheint hier in Brasilien geboren zu sein, aber dazu
später.
Operiert
wurde von Campinas aus. Dies wird für die nächste Zeit auch die Basis für verschiedene
Operationen sein. Unser Haus stand noch, wenn auch leicht heruntergekommen.
Die Gründe sind klar: Seit unsere Familie im Jahre 1989 wieder nach Deutschland
umzog, wurde das Haus an Leute von Bosch vermietet. Die hatten die Angewohnheit,
das Haus in besserem Zustand zu verlassen, als sie es vorgefunden hatten. Mitte
der 90er Jahre blieben jedoch die Boschleute weg, das Haus mußte dennoch vermietet
werden und da fand sich auch eine brasilianische Familie mit italienischem Namen.
Vater, Mutter, zwei Kinder, bezahlt wurde nur noch ein Drittel des üblichen
Mietpreises, das aber auch nur so lange, bis überhaupt keine Miete mehr gezahlt
wurde. Damit aber nicht genug, innerhalb von einigen Jahren hatte das Haus,
im Kolonialstil errichtet, das Aussehen einer Barracke angenommen. Ein Wunder,
daß jetzt nur die Familie weg ist und nicht das ganze Haus. Das hier wird bis
zu seinem Verkauf mein neues Quartier sein.
Der Daimler in der neuen Garage... |
Um 6:55 Uhr Ortszeit ging es los. Bis Belém sind es über 3.000 km, an Nachtfahrten
ist nicht zu denken, dafür ist der Straßenzustand außerhalb des Staates São
Paulo umso bedenklicher. Übermorgen ist Heiligabend, das deutscheste aller Feste
und ich hatte keine Lust, ihn in irgendeinem gottverlassenen Nest irgendwo in
Nordbrasilien zu verbringen. Das bedeutet, daß von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang
gefahren werden muß, nach Möglichkeit Vollgas. Was die Sache auch nicht angenehmer
machte war der Umstand, daß die Lüftung nach wie vor ratterte, der Einsatz der
Klima daher nicht möglich war. Der Äquator ist ziemlich klebrig...
Wir waren diese Strecke bereits einmal gefahren, nämlich im Jahre 1985 oder
1986, aber nicht mit einem 200D, sondern mit dem Chevrolet Caravan, dem damaligen
Geschäftswagen meines Vaters. Die erste Station war damals Ribeirão Preto gewesen.
Daran fuhren wir heute nach einigen Stunden vorbei. Damals waren wir nach Weihnachten
gefahren...
Die "Anhangüera", eine der wenigen Autobahnen im Land. Diese müssen sie sich von den Franzosen abgeschaut haben, zwar ist die Qualität des Belags niedriger, aber das wird dadurch ausgeglichen, daß die Mautgebühren höher sind. |
Auch hier gilt: Alles, was in Brasilien gut ist, ist unverhältnismäßig teuer. Wenn die Strecke allerdings bis Belém so geblieben wäre, dann hätte ich keinen Grund zu meckern gehabt, denn immerhin entfällt hier das zeitraubende und nicht immer risikoarme Überholen. Doch ich wußte ja, daß sich außerhalb von São Paulo kaum mehr eine Autobahn findet. Und - tatsächlich - genau an der Grenze zum nördlichen Nachbarstaat Minas Gerais hört die Autobahn auf und geht in eine ziemlich geschundene Landstraße über.
Die Brücke. Ich weiß nicht, ob sie die beiden Bundesstaaten trennt, also über den Rio Grande führt, oder über einen Nebenarm - sieht sowieso alles gleich aus. |
In Cristalina, etwa 100 km vor der peinlichen Hauptstadt Brasília wurde aufgetankt.
Der Tankwart macht mich darauf aufmerksam, daß die Benzinzapfsäule dort vorne
ist.
"Wo?"
"Na, daaa! Da, wo Benzin dransteht."
"Ach, ja! G - A - S - O - L - I - N - A. Stimmt, Sie haben Recht! Die Säule
steht da. Was soll ich jetzt machen?"
"Na, ich denke, Sie wollen tanken..?"
"Will ich auch! Aber ich nehm doch lieber Diesel."
"Wie, Diesel? Fährt das Auto etwa mit Diesel?"
"Ja. Auch."
"Was ist das überhaupt für ein Auto?"
"Ein Mercedes."
"Mercedes? Was für ein Baujahr?"
"Acht Zwo."
"Also, ich tu jetzt da Diesel rein..."
"Ja, ich bitte darum."
Er schaut mich an, als ob er sagen wollte "Wirst schon sehen, was Du davon
hast." Dann sieht er sich das Auto genau an, fragt, wo das Kennzeichen
her ist und fragt mich dann, ob ich das Auto dort auf Diesel umrüsten ließ.
Ich erklärte ihm, daß der schon als Diesel geboren wurde. Diesel sei eine praktische
Sache. Ist billig, wirtschaftlich, krisensicher und nicht so defektanfällig
und ich fragte ihn, warum es hier denn keine Diesel-PKW gäbe. Das wüßte er auch
nicht, gibt es halt nicht, nur Nutzfahrzeuge. Dafür gibt es Autos, die mit Alkohol
fahren, doch selbst der ist teurer als Diesel.
Weiter ging's. Wir hatten keine Zeit. So sehr man beim 200D auch auf die Tube
drückt, es kommt immer irgendwoher einer und setzt noch eins drauf. Fast jeder,
möchte ich sagen...
Dieser LKW, ganz rechts im Bild, auf diesem angedeuteten Standstreifen, muß es verdammt eilig gehabt haben. |
In Brasilia selbst verfuhren wir uns erstmals. War ja klar. Ohne Verfahren geht keine Fahrt über die Bühne. In der Hauptstadt selbst gibt es nicht viel zu sehen. Da hat man versucht, mitten in die Pampa eine Hauptstadt hinzustellen, dies aber nicht ganz geschafft. Da bekommt im Vergleich sogar Yamoussoukro eine Existenzberechtigung. Alles, was wichtig ist, spielt sich ohnehin in São Paulo ab. Das Wichtigste war wohl, möglichst viel Geld auf einmal zu verschwenden, davon scheinen sie ja genug zu haben, nur eben an den falschen Stellen. Wenn ich nur daran denke, was man für schöne Straßen mit dem Geld bauen hätte können...
Das hier soll wohl ein Versuch sein, mit Wien mithalten zu wollen. Die weißen Kutschen und die Herren in Frack und Zylinder fehlen allerdings noch. |
Man soll natürlich nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, daher will ich versuchen,
den rechten Maßstab zu verwenden: Weder in Bamako noch in Ouagadougou waren
die Straßen in einem so schlimmen Zustand - wohlgemerkt: Innerorts, in der Hauptstadt.
Gleich am Eingang fuhren wir an einem Schild mit der Aufschrift "Anápolis"
vorbei. Ich fragte mal nach:
"Haben wir nicht 1985 im Hotel Anápolis übernachtet?"
Chefin meinte: "Nö, noch nie was davon gehört. Wir müssen auf die Belém
- Brasília"
"Ja, aber ist die nicht da? Hotel Anápolis! Vielleicht führt die von Brasília
über Anápolis nach Belém, die sind wir doch gefahren 85..."
"Nein, die muß weiter vorne sein..."
Etwa eine halbe Stunde später wird ein LKW-Fahrer an der Ampel nach der Belém
- Brasília gefragt. Der meint: "Umdrehen, andere Richtung." Vom Auto
auf der anderen Seite will einer wissen, wo unser Kennzeichen her ist. "Alemanha."
Also umdrehen und sicherheitshalber nocheinmal beim nächsten LKW-Fahrer fragen.
Natürlich konnte ich mir die Meldung nicht verkneifen: "I hob's jo glei
g'sogt...", woraufhin die Chefin sichtlich verärgert meinte "Quatsch,
Du hast 'Hotel Anápolis' gesagt..." und ich "Stimmt, hast Recht,
bin ich dumm. Das Hotel Anápolis könnte auch in Berlin stehen...".
Etwa eine Stunde, nachdem wir das Schild zum ersten Mal passiert hatten, sahen
wir es wieder und bogen also doch nach Südwest in Richtung Anápolis ab. Idiotische
Streckenführung, wenn man mich fragt. So ein Ärger, das hätten wir auch kürzer
haben können, denn wir waren von Südosten gekommen, fuhren nun nach Südwesten,
um danach wieder in Richtung Norden zu fahren. Nun hatten wir einen entgegen
der Generalrichtung verlaufenden Zacken von mindestens 200 km in der Route.
Hinter
Brasília wurden die Landstraßen merklich schlechter und die letzten 100 km bis
Anápolis legten wir in der Dunkelheit zurück. Nachtfahrten gilt es zu vermeiden,
unter allen Umständen. Zumindest wurde man nicht müde, uns das zu erzählen.
Überfälle, weggeschwemmte Straßenstücke, Unfälle usw. Und es schien auch vernünftig.
Schlafen muß der Mensch auch mal, je später man in die Falle kommt, desto später
steht man auf, wenn man fit sein will. In der Nacht ist man hier wesentlich
langsamer unterwegs als tagsüber, so daß es sich nicht lohnt, Nachts noch 150
km zu fahren und dann drei Stunden nach Sonnenaufgang, wenn man 250 km
bereits hinter sich gebracht haben könnte, noch zu schlafen. Also in Anápolis
raus und ins Hotel - Stilbruch eigentlich, aber es sollte wohl so sein. Angenehmer
als im Freien ist es - es sei denn, draußen wäre Wüste - nur ist es eben auch
teurer. Überhaupt hatte ich dieses Kaff als Straßendorf mit viereinhalb Häusern
in Erinnerung.
An dieser Stelle, eine kleine Familienstory aus dem Jahre 1985, die in meiner
Erinnerung mit dem Namen "Anápolis" verbunden ist: Wir machten hier
damals unsere dritte Station, stellten das Auto vor dem besten Hotel der Stadt
ab, eben dem Hotel Anápolis. Es war eine ganz harte Absteige, ganz und gar nicht
ratsam für eine Familie mit drei Kindern, aber etwas Besseres fand sich nirgendwo.
Am nächsten Morgen wollte mein Vater die Hotelrechnung begleichen und schickte
mich hinunter, um seine Dokumententasche zu holen, die er am Vortag im Auto
vergessen hatte - ich habe meine Vergeßlichkeit nicht gestohlen, sondern geerbt.
Ich stapfe also mit dem Autoschlüssel hinunter und stehe mitten auf dem Wochenmarkt.
Dort, wo eigentlich unser Auto hätte stehen sollen, war nun ein Verkaufsstand.
Ich sofort zurückgespeucht und Meldung gemacht. Daraufhin mein Vater sofort
runtergelaufen und den Nächstbesten gefragt, wo das Auto sei. "Das haben
wir da hinter geschoben... Es war offen" Als er am Auto ankam, stellte
er fest, daß nicht das Geringste fehlte und wunderte sich wohl recht sehr darüber.
"Wieso fehlt nichts?" Auf die Antwort hätte man glatt selbst kommen
können: "Wenn hier ein neues Auto mit Kennzeichen aus São Paulo offen herumsteht
mit Geld- und Dokumententasche drin, dann gehört das entweder einem Polizisten
oder einem Mafioso. Mit keinem von beiden will der gemeine Dieb sich anlegen..."
Da sieht man es mal wieder. Die einen geigen sich um nichts und denen passiert
nie was, andere verriegeln und verrammeln alles und weden trotzdem bestohlen.
Ist nicht der Regelfall, aber das gibt es auch. Ich darf hier feststellen, daß
keinem von uns in 10 (wir Kinder) bzw. 15 (Vater) bzw. über 30 Jahren (Mutter)
Brasilien niemals etwas durch Feindeinwirkung verloren ging. Andererseits
traf ich nicht einen von meinen damaligen Klassenkameraden aus Brasilien wieder,
der noch nicht mindestens einmal das Opfer eines Überfalls geworden ist.
Das "Hotel Anápolis" gab es nicht mehr, wir mußten uns mit dem "Panorama-Hotel"
zufriedengeben, das wir um 21:00 Uhr erreichten.
Der Kilometerzähler verriet, daß wir heute 1.066 km gefahren waren. 76 km/h
Durchschnittsgeschwindigkeit, 14 Stunden und fünf Minuten Dauerbetrieb. German
Diesel...
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