Gegen fünf Uhr Morgens weckte mich dann der Tankwart und ich bedankte mich und fuhr weiter. Bloß keinen Aufenthalt mehr, in jedem Kaff hatte ich Angst, mich wieder zu Verfahren, wie beim letzten mal, als ich über Uruguayana fuhr und das Gefühl hatte, dieses klebrige Land will mich nicht rauslassen. Aber es ging einigermaßen. In Porto Alegre gab es eine unfreiwillige Wartezeit, weil gerade ein paar Schiffe die Straße kreuzten. Zu diesem Zweck hatte man eine Brücke installiert, die sich hob, damit die Schiffe passieren konnten. Das dauert und auf der schmalen Straße bilden sich kilometerlange Staus. Ich fragte mich überflüssigerweise, ob das denn sein muß, da die Schiffe sowieso nur noch ein paar Kilometer flußaufwärts fahren und dann wird alles auf Lastautos gepackt und es geht per "Straße" weiter. Aber Fragen nach dem Warum sind vor der grenze noch nicht angebracht...
Ich hatte das Pech, mal wieder um ein paar Minuten zu spät dran gewesen zu
sein. Das sah ich daran, daß ich ziemlich weit vorne stand. Bilder davon gibt
es keine, weil ich zwar zwei Kameras dabeihatte, aber nirgendwo Filme zu einem
akzeptablen Preis angeboten wurden. Als sich die Brücke wieder senkte ging es
zügig weiter, wenigstens etwas. Die ganz hinten, die stehen noch ein paar Stunden.
Bei Pelotas fuhr ich auf den Markt und besorgte vier Filme für 20 DM. Als ich
feststellte, daß es Deutsche Fuji-Filme waren, war ich über den Preis etwas
erstaunt. Warum waren die so billig? Ach, so... Fragen nach dem Warum...
Je mehr ich mich der Grenze näherte, desto mulmiger wurde mir. Ich nahm den
Grenzübergang Chui, dort war ich auch eingereist und ich wußte, daß da die Chance
besteht, ungesehen zu passieren - das war mit bei der Einreise aus Versehen
passiert. Natürlich war die Frist für das Auto auch abgelaufen. Die ist ja an
die Frist vom Paß gekoppelt. Da ich aber von Erwin gehört hatte, daß es auch
vorkommt, daß die einem gar kein Dokument für das Fahrzeug geben, hatte ich
vor, es damit zu versuchen, daß ich ihnen im Zweifelsfall erkläre, daß ich gar
nichts bekommen hätte. Chaotisch genug geht es hier ja zu, warum sollte das
also nicht funktionieren? Höchstens, der Zollbeamte erkennt mich wieder. Der
Plan für den Ausbruch sah folgendermaßen aus: Über die Grenze fahren, Einreiseformalitäten
Uruguay erledigen, dann zurücklatschen und den Ausreisestempel für Brasilien
holen, nur, damit es bei erneuter Einreise keinen Streß gibt. Am besten beim
letzten Licht der Dämmerung, damit man von der Grenzanlage noch was sieht, ohne
selbst gesehen zu werden.
Kurz vor der Grenze schaltete ich Licht aus, die Anlage war schon in Sichtweite.
Ich stoppte und wollte mit dem Fernglas erkunden, ob heute Posten aufgestellt
waren und gegebenenfalls abwarten, bis die schlafen gehen oder sich sonstwie
verziehen. Pustekuchen! Freilich hatte ich das Fernglas in Campinas flacken
lassen. Kopfinhalt? Also mußte ich's einfach riskieren. Als ich an die Grenze
kam war es 18:30 Uhr und gerade dunkel geworden, ich fuhr durch und so weit
wie möglich vor, aber ich kam nicht nach Uruguay, weil sie natürlich heute doch
Posten aufgestellt hatten.
Ich parkte, ging nur mit dem Paß zur Polizei und wollte meinen Ausreisestempel
und dann nichts wie weg. Natürlich blätterten sie darin rum und sahen den Stempel,
den sie mir in Campinas bei der Polizei verpaßt hatten, weil ich die Ausreisefrist
übertreten hatte. Ich hatte dort die paar Mark Strafe gezahlt und daraufhin
wurde dieser Stempel mit einem weiteren Stempel versehen: "Cancelado = Cancelled". Ist ja
logisch, denn der Stempel soll bei der Ausreise oder bei erneuter Einreise dem
Grenzbeamten sagen, daß der Paßinhaber noch eine Strafe zu zahlen hat. Mußte
ich nicht mehr, denn ich hatte bereits bezahlt, so, daß dieser Stempel nicht
mehr gültig war, daher wurde er gecancelled. Eigentlich logisch. Nur
verstanden diese Herren nicht, warum da nicht "Bezahlt", sondern "Cancelled"
steht. Die haben keine Ahnung von ihrem eigenen Mist, es ist fabelhaft. Am besten
ist es, man hört gar nicht hin, was die für einen Stuß reden, sonst kriegt man
einen Lachkrampf und sie nehmen einem das Theater, daß man nichts versteht nicht
mehr ab. Einer heult rum: "Da läßt man die Gringos ins Land und die machen nichts
als Probleme." Ja, ja, und Du Affe würdest noch in Deiner Höhle oder auf Deinem Baum hausen und wärst
glücklich und zufrieden...
Dann kam auch noch der Zöllner herein, der mich damals abgefertigt hatte und
er schien mich auch noch zu kennen "Ach, der Che Guevara ist auch wieder da".
Wenn dem Spatzenhirn noch einfällt, daß er mir damals die Zollpapiere für den
Wagen ausgestellt hatte, dann war ich geliefert. Ich eigentlich nicht, sondern
der Daimler, aber das ist ja fast das selbe. Ich wollte nur möglichst schnell
raus. Ich versuchte, so entspannt wie möglich zu wirken. Wenn die geahnt hätten,
was ich hier wieder zusammengeschwitzt habe...
Sie blätterten in Ordnern, um zu ergründen, was das "Cancelado" soll. Meine
Nerven... Halt einfach die Fresse, hau mir einen Stempel in den Paß und dann
ist's gut, ich reise aus und nicht ein. Irgendwann - keiner checkte irgendwas
- bekam ich meinen Stempel, nahm meinen Paß und ging betont gelassen zum Auto.
Als ich aus der Grenzstation war, dachte ich mir: "Jetzt aber nichts wie weg..."
Hinein ins Auto, angelassen und... Ich wollte gerade wegfahren, da kamen drei
von den Kasperln auf mich zugerannt und gaben mir ein Zeichen zum Anhalten.
Fahrzeugpapiere - "Verdammt... Verdammt, verdammt... Diese Schweine. Verfluchte
Scheine..." Herzrasen. Ich gab ihnen meinen internationalen Führerschein, meinen
internationalen Fahrzeugschein und meinen internationalen Impfpaß und verstand
immer noch kein Portugiesisch. Sie baten mich, wieder hineinzukommen. Was sollte
ich tun? Also, wieder rein, vorbei an dem mehr als nur unsympathischen Zöllner
und dann blätterte jeder in einem der Heftchen herum. Der eine im Führerschein,
der andere im Fahrzeugschein, der nächste im Impfpaß. Die Fahrzeugpapiere bekam
ich bald wieder, der Impfpaß ging noch durch die Runde. Jeder betrachtete ihn
ausgiebig, dann bekam ich den auch wieder und sie sagten, es sei alles OK, ich
könne fahren. Zum Glück blicken die in ihrem ureigensten Chaos selbst schon
längst nicht mehr durch. Gut für Unsereins, denn es reicht, wenn man weiß, daß
es ein Chaos ist. Alles andere ergibt sich meist von selbst, auch wenn es Nerven
kostet.
Hinein nach Uruguay, freundliche Begrüßung, "den Paß und die Fahrzeugpapiere,
bitte", den Einreisezettel für mich und für's Auto füllten Polizei und Zoll
aus, Stempelchen hier, Stempelchen da, "Buen viaje", das war's. Das Auto darf
364 Tage bleiben, ich selbst nur 90, wunderbar! Was will man mehr? Durchsuchung
gab es keine und um viertel nach Acht war ich auf dem Weg nach Montevideo.
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